Dieser Artikel ist von Nadine Sapotnik-Zirzow, Niederrheinreporterin der NRZ
20.03.2026, 09:25 Uhr
Kamp-Lintfort. Christien Hoffmann ist im dritten Jagdjahr. Der 28-Jährigen geht es nicht darum, Tiere zu erlegen, sondern um das Wissen über die Natur.

Christien Hoffmann wartet schon auf dem Parkplatz. Bei einem Spaziergang durch die Leucht in Kamp-Lintfort will die 28-Jährige erzählen, wieso sie Jägerin geworden ist. In der Hand hält sie einen Jagdhut, den sie im gleichen Moment auf den Kopf setzt. Eine Waffe hat sie natürlich nicht dabei. „Das ist hier nicht mein Revier. Außerdem ist Schonzeit. Eine von vielen“, stellt sie direkt klar.
Sie geht los, in den Wald hinein. Es ist hell. „Man sieht, dass der Winter noch nicht richtig vorbei ist“, sagt Christien Hoffmann. Noch tragen die Bäume keine neuen Blätter. „Es war schon immer mein Wunsch, Jägerin zu werden“, beginnt sie zu erzählen. „Ich bin damit groß geworden. Mein Opa ist auch Jäger.“ Und der hat seine Enkelin schon früh an das Thema herangeführt. „Er hat mir immer sehr viel rund um den Wald erklärt. In seinem Garten hat er eine Taubenstrecke ausgelegt und die wurden dann auch ausgenommen.“

Sie läuft an einer Gruppe Schüler vorbei, die offenbar an diesem Tag praxisnahen Unterricht mit ihrer Lehrerin im Wald macht. „Ich war auch zeitweise bei der rollenden Waldschule dabei“, fällt ihr in diesem Moment ein. Dabei vermitteln Jägerinnen und Jäger Kindern ihr Wissen über die Flora und Fauna im Wald. „Leider habe ich dazu wegen meines Vollzeitjobs keine Zeit mehr, aber es hat viel Spaß gemacht“, erzählt sie. Genau dieses Wissen liegt Christien Hoffmann besonders am Herzen. „Jägerin sein ist viel mehr als Rehe töten“, sagt sie. „Es geht sehr um das Bewusstsein für die Natur. Wir kümmern uns auch um Seuchenprävention. Es gibt sehr viele Krankheiten im Wald, bei denen wir teils eingreifen müssen.“
Jagdschein wird auch „Grünes Abitur“ genannt
Ihren Jagdschein hat sie Anfang 2024 gemacht. Die Kosten für einen Jagdschein liegen im Schnitt bei 1500 bis 3500 Euro. Die Klasse startet in der Regel Anfang Januar, die Abschlussprüfung ist dann Ende April. „Die Jägerprüfung ist echt hart und heißt nicht umsonst das „Grüne Abitur“. Man muss super viel über die Pflanzen und Tiere im Wald lernen“, sagt sie. Aber natürlich gibt es auch Schießtraining, allerdings nur auf Zielscheiben und auf Tontauben. Wichtig ist es trotzdem, denn die Jägerinnen und Jäger sollen zielsicher in Herz oder Brust treffen können. „Dann sind die Tiere direkt tot“, sagt die 28-Jährige, während sie einer Meise hinterherschaut.
Und noch etwas ist nötig, bevor eine Jägerin oder ein Jäger überhaupt auf ein Tier schießen darf. „Man muss ein Tier immer richtig ansprechen können“, sagt sie. „Nicht nur, was für ein Tier es ist. Es geht auch darum, das Geschlecht und das Alter zu bestimmen.“ Und woran erkennt man vom Hochsitz aus, wie alt zum Beispiel ein Rehbock ist? „Am Gehörn und auch am Körperbau“, sagt Christien Hoffmann gleich. „Es ist wichtig, sich darüber bewusst zu sein, was man tut. Ich halte es für wichtig, dankbar zu sein.“ Ihre Dankbarkeit zeigen die Jäger mit dem letzten Bissen. „Man steckt dem Tier einen bruchgerechten Ast ins Maul.“ Das symbolisiert die letzte Mahlzeit.

Christien Hoffmann bleibt kurz stehen. Am Wegesrand liegt ein verrottender Stamm. Sie geht hin und entfernt vorsichtig ein Stück der Rinde. „Ah, da ist eine Assel“, sagt sie. „Ich hatte vor einiger Zeit mal eine Assel als Haustier. Eine Art, die noch gar nicht vor so langer Zeit entdeckt wurde, erst 2017. Es war eine Rubber Ducky.“ Die Tiere fressen Grünzeug und Moos. Wie groß ihre Leidenschaft für die Natur und insbesondere für Tiere ist, zeigt sich auch auf ihren Armen. Dort sind zahlreiche Tiere als Tattoos verewigt. Christien Hoffmann zieht den Ärmel hoch und zeigt ihren Unterarm. „Hier ist etwa ein Hirschkäfer. Ich habe aber auch noch eine Zikade und oben, am Oberarm, einen Wolpertinger.“
Durch den Wald tönt ein dumpfes Klopfen. „Ein Specht“, sagt Christien Hoffmann. Sie schaut in die Baumwipfel. „Da oben sitzt er.“ Die Silhouette eines Buntspechts ist einige Meter entfernt zu erahnen. „Spechte bauen ihre Nester in Baumhöhlen, und wenn sie diese verlassen, brüten andere Vögel darin. So spielt alles zusammen.“
Christien Hoffmann bleibt noch einmal kurz stehen. „Wenn wir hier entlanggehen, kommen wir wieder zum Parkplatz“, erklärt sie. Dass sie sich im Wald orientieren kann, ist damit bewiesen. „Als Jägerin ist es übrigens auch wichtig, die Himmelsrichtungen zu kennen“, sagt sie. „Bei der Jagd ist es am besten, den Wind von vorn zu haben. Denn sonst kann es auch passieren, dass die Tiere einen riechen.“ Und dann sind sie ganz schnell wieder verschwunden.
„Guck mal, ein Fuchs!“
Bemerken die Tiere einen nicht, ist das Beobachten ein richtiges Erlebnis. „Bei der Ansitzjagd sieht man sehr viel“, sagt sie. „Vögel, Rehe, Hasen. Man ist ganz still. Das ist richtig schön.“ Aber als sie mal ihren Opa bei der Jagd begleitet hat, ist ihr mal ein kleiner Fauxpas passiert. „Ich habe tatsächlich laut gesagt: Guck mal, ein Fuchs!“ Der war dann natürlich weg. An der Tasche von Christien Hoffmann baumelt übrigens auch ein Fuchsschwanz. Sie lässt ihn durch ihre Hände gleiten. „Den Fuchs habe ich erlegt“, sagt sie. „Das ist natürlich keine klassische Trophäe, aber eine Erinnerung an den Tag. Ich mache gerne schöne Dinge aus den Tieren.“ Sie kramt in ihrer Tasche und holt ihren Schlüssel hervor. „Ich habe auch einen Schlüsselanhänger aus einem Krähenschnabel gemacht.“

Und erinnert sie sich noch an das erste Tier, das sie erlegt hat? „Ja, es war eine Nutria“, sagt sie und fügt gleich dazu. „Das waren gemischte Gefühle. Eine Mischung aus Stolz und natürlich auch Demut gegenüber dem Tier.“ Nachdem eine Jägerin oder ein Jäger ein Tier erlegt hat, folgt die Organschau, um zu überprüfen, ob das Tier gesund war. „Und dann habe ich die Nutria mariniert und gegessen.“ Und wie schmeckt eine Nutria? „Es schmeckt interessant. Ein bisschen wie Wild, aber es hat auch einen Hauch Fischgeschmack.“
Mittlerweile ist der Waldparkplatz schon wieder in Sicht. Auf den letzten Metern bis zum Auto erzählt Christien Hoffmann noch, wie sehr ihr Opa sie beim Jagen unterstützt. Dank ihm hat sie auch ein Revier gefunden, in dem sie aktiv jagen kann. „Viele, die den Jagdschein machen, kommen erst einmal nicht in ein Revier rein und können somit auch kein aktiver Jäger sein“, sagt sie. Und zu wem passt ein Jagdschein? „Es ist in jedem Fall sehr viel Verantwortung, über Leben und Tod zu entscheiden, und man hat eine Schusswaffe“, sagt sie, bevor sie wieder ins Auto steigt. @NRZ
